"Gehen ist ein Stück Freiheit!"

04 May 2017
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Die Kinder/Jugendlichen sollen so schnell wie möglich wieder raus aus dem Bett. Sie dürfen sich bewegen“ erklärt Torge Wittke mit wenigen Worten seinen Therapieansatz. An der Medizinischen Hochschule Hannover, konnte der Sportwissenschaftler, Ende 2015 die Eröffnung eines neuen Sportraums für kranke Kinder/Jugendliche feiern. Die Räumlichkeiten wurden durch den „Verein für krebskranke Kinder Hannover e.V.“ finanziert. Die Kinder/Jugendlichen trainieren im Sportraum vor, während und/oder nach einer längerfristigen und kräfteraubenden Therapie bei Krebserkrankung oder werden vor/nach einer Organtransplantation (z.B. Lunge, Herz oder Leber) „fitter“ gemacht. 

In dem neuen Trainingsraum sollen die Kinder/Jugendlichen nach Möglichkeit wieder spielerisch an Sport und Bewegung herangeführt werden. Die meisten Kinder/Jugendlichen, welche mit Torge Wittke arbeiten, leiden an Krebs, oder sind transplantiert. Oft sind sie durch die Nebenwirkungen der Behandlung sehr geschwächt. „Wir haben z.B. Kraftgeräte, ein Rudergerät, ein Laufband, einen Boxsack, zwei Spielkonsolen und diverse Kleingeräte. Die Kinder/Jugendlichen dürfen trainieren und sollen so lange wie möglich fit bleiben. So können sie trotz ihrer Erkrankung auch weiterhin spüren, dass sie körperlich etwas leisten können - welches viele Kinder/Jugendliche zusätzlich motiviert.“ Das zentrale Element des Sportraums ist ein Laufband mit Gewichtsentlastungssystem. „Die Kinder/Jugendlichen haben richtig Bock auf das Laufband. Wenn es ihr Gesundheitszustand zulässt dürfen sie sofort rauf auf das Laufband“ strahlt Torge Wittke als er vom neuen Trainingsraum erzählt.

„Ich frage die jungen Patienten gleich zu Beginn: Was macht dir Spaß? Für welchen Sport interessierst du dich? Ich möchte nicht nur den Patienten sehen, sondern vor allem das Kind/den Jugendlichen mit seinen individuellen Interessen - das ist extrem wichtig.“ Der Sportwissenschaftler erzählt weiter: „Wenn ein Junge gerne Fußball spielt, aufgrund seiner Physis aber keinen „Kontaktsport“ betreiben kann, schießen wir den Ball eben gegen die Wand oder schieben uns die Bälle im Dreieck zu. Hauptsache das Kind/der Jugendliche bewegt sich und hat Spaß.“ Es gibt auch Tage an denen die Kids nicht sehr belastbar sind sagt Torge Wittke: „Dann rudern sie nicht und gehen nicht auf dem Laufband sondern spielen einfach nur z.B. mit der Wii - aber nach Möglichkeit bewegen sie sich.“

In Sportraum steht ein großes weißes Laufband. Auf dem Fernseher vor dem Laufband läuft eine Simpsons Folge. Im Rollstuhl fährt gerade Phil in den Trainingsraum und lächelt. Torge und Phil klatschen ab und kurze Zeit später läuft Phil, gesichert über einen Gurt, auf dem Laufband. „Ganz am Anfang der Behandlung habe ich Phil aus dem Bett gehoben und auf seine Beine gestellt“ erzählt Torge Wittke von Phils Therapiebeginn. „Bevor wir das Laufband hatten bin ich mit Phil den Krankenhausgang auf und ab gegangen. Das war manchmal ziemlich langweilig und hat ihm und auch mir nur bedingt Spaß gemacht.“

Mit Beginn des Laufbandtrainings haben sich schnell Erfolge eingestellt: Phils Beinstreckung hat sich verbessert und die Muskulatur wurde durch das Training erhalten. „Als Phil zum ersten Mal 200 Meter am Stück gegangen ist hatte er Freudentränen in den Augen.“ Phil hat heute mehr Selbstvertrauen und glaubt an sich. Er hat großen Spaß am Training und ist im Trainingsraum immer hochmotiviert. Mittlerweile kann Phil eine Wegstrecke von 1000 m auf dem Laufband zurücklegen. Durch das Gewichtsentlastungssystem muss er dabei nicht sein volles Körpergewicht tragen, sondern ist 10 kg leichter. Für Phil ist das Laufband das Highlight im Sportraum und er fährt nach der Trainingseinheit erschöpft aber freudestrahlend aus dem Raum. „Für mich ist Phil ein Superheld!“ schwärmt Torge Wittke. „Kinder/Jugendliche wie Phil leisten mehr als jeder Leistungssportler! Ich kenne keinen Sportler, der so hart trainieren würde, während sein Körper so geschwächt ist. Während meiner eigenen sportlichen Vergangenheit im Rugby habe ich sowas nie geleistet. So genannte „Leistungssportler“ würden sich ins Bett legen und auskurieren. Diese Kids arbeiten aktiv gegen die Nebenwirkungen der Therapie. Ich bin sehr stolz mit so tollen Menschen arbeiten zu dürfen!“

„Wenn ein Kind/Jugendlicher am Ende der Dauertherapie selbständig gehen kann, dann kann er sich auch im Alltag unabhängiger bewegen“ sagt Torge Wittke. „Gehen ist ein Stück Freiheit und diese Freiheit können wir den Kindern oft durch den Einsatz des Entlastungssystems erhalten und/oder wiedergeben.“